k_IMG_7891_PC.JPGDer Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen STOLPERSTEINE in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas.
"Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE... Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch. (Quelle: www.stolpersteine.com)

Die Evangelische Johannesgemeinde und die Kindertagesstätte haben  am 24. Oktober 2011 jeweils die Patenschaft für einen Stolperstein in der Schillerstraße 18 für Eva und Helene Weiß übernommen. Einige Gemeindeglieder und Kinder aus der Kindertagesstätte Schillerstraße waren bei der Verlegung der Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig dabei.

Ältere Gemeindeglieder haben sich noch an das junge Mädchen Eva erinnert, mit dem sie gern gespielt haben.  Doch  nach der Machtergreifung des NS-Regimes haben die Eltern den Kontakt mit Eva verboten und das junge Mädchen musste eine andere Schule besuchen. 1936 ist die Familie nach Palästina  emigriert.

 

Stolpern mit dem Kopf und mit dem Herzen

Sie sind ins Trottoir eingelassen: Würfel mit einer Seitenlänge von knapp 10 Zentimetern und einer individuell beschrifteten Oberfläche aus Messing. Die meisten liegen in der Frankfurter Straße. Die Rede ist von den „Stolpersteinen“, die in Neu-Isenburg seit Februar 2009 an frühere jüdische Einwohner erinnern. Diese wurden während der NS-Zeit aus Neu-Isenburg vertrieben, manche konnten danach noch aus Deutschland fliehen, andere wurden deportiert und ermordet. Vor dem Haus Zeppelinstraße 10 befindet sich seit 2010 außerdem eine lange „Stolperschwelle“ zum Gedenken an die Bewohnerinnen und Bewohner des Heims „Isenburg“. In der Einrichtung hatte der Jüdische Frauenbund bis zur zwangsweisen Schließung 1942 junge Frauen und unverheiratete Mütter mit ihren Kindern betreut.

„Stolpersteine“ sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der sie „offiziell“ seit dem Jahr 2000 verlegt. Zuvor hatte Demnig bereits ohne behördliche Genehmigung im öffentlichen Straßenraum mit Farbspuren und besonders gestalteten Steinen an die NS-Verbrechen erinnert. Demnigs Stolperstein-Projekt hat großen Erfolg. Bis Ende des Jahres 2011 wurden in zehn europäischen Ländern und ca. 700 Städten über 32.000 solcher Gedenksteine gesetzt.

Es gab und gibt Widerstände gegen diese Art der Erinnerungskultur. Die Argumente reichen vom Einwand, man trete wortwörtlich die Opfer mit Füßen bis hin zum Argument von Hauseigentümern, ihre Immobilie verliere an Wert. In München ließ der Stadtrat sogar Steine für das ermordete Ehepaar Jonas wieder herausreißen, obwohl sich der Sohn nachdrücklich für ihren Verbleib eingesetzt hatte.

Als 2008 die Bertha-Pappenheim-Initiative vorschlug, in Neu-Isenburg „Stolpersteine“ zu verlegen, gab es auch hier Ängste vor negativen Reaktionen. Diese zerstreuten sich, nachdem sich der damalige Bürgermeister Oliver Quilling und der heutige Amtsträger Herbert Hunkel hinter das Vorhaben stellten. Zwischen 2009 und 2011 wurden in unserer Stadt insgesamt 26 „Stolpersteine“ verlegt, zunächst für die ermordeten, später auch für überlebende jüdischen Einwohner, die Neu-Isenburg hatten verlassen müssen. wurden. Es gibt noch mehr zu tun, denn die „Stolpersteine“ sind nicht ausschließlich für jüdische, sondern für alle NS-Opfer gedacht, also auch etwa für Homosexuelle, Behinderte oder Menschen, die wegen ihrer religiösen oder politischen Überzeugung verfolgt wurden.

„Stolpersteine“ sind ebenerdig in den Gehweg eingefügt, so dass die Gefahr, tatsächlich zu straucheln, nicht besteht. „Man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“, brachte ein Schüler die Wirkung auf den Punkt. „Stolpersteine“ sollen die Passanten innehalten lassen, und zwar an dem Ort, an dem sie gelebt haben. Deshalb werden die Kuben vor die letzten frei gewählten Wohnhäuser gesetzt und nicht etwa vor Ghettohäuser, in die Juden ab dem Frühjahr 1941 gepfercht wurden.

Erinnerungskultur hat viele Facetten und darf sie auch haben. Sie hat aber nur dann einen Sinn, wenn sie Konsequenzen für unser Denken und Handeln trägt. „Wir tun das nicht, weil wir politisch korrekt sein wollen“, stellte Pfarrer Loesch von der Evangelisch-Reformierten Gemeinde Am Marktplatz bei der Verlegung der „Stolperschwelle“ im Mai 2010 klar. Die Gedenksteine seien wichtig „als Mahnung für die Gegenwart und als Orientierung für die Zukunft.“

Im Gegensatz zu großen, zentralen Gedenkstätten fordern „Stolpersteine“ zu individueller Erinnerung im Alltag heraus - zum Nachdenken über einzelne Menschen, ihr Leben, ihre Vertreibung und Ermordung. Wenn wir uns in menschliche Einzelschicksale einfühlen, erhalten wir – selbst wenn wir keine Details kennen - eine intensive Vorstellung von der Ungeheuerlichkeit des Holocausts. Anders als an offiziellen Gedenktagen besteht dabei nicht die Gefahr der verflachenden Ritualisierung und der Instrumentalisierung des Gedenkens.

Die Fähigkeit, sich in individuelle Schicksale hineinzuversetzen, bewiesen junge Schülerinnen der Goetheschule, die bei den Verlegungen die Biographien der verfolgten Neu-Isenburger bewegt und bewegend vortrugen. 2011 waren auch Jungen und Mädchen aus der Kindertagesstätte der Evangelischen Johannesgemeinde dabei. Ihre Kita hatte die Patenschaft für einen Stein in der Schillerstraße übernommen. Für die Kleinen war es aufregend, Gunter Demnig bei der handwerklichen Arbeit über die Schulter zu schauen. Kindergartenkinder wissen natürlich noch nichts über den Holocaust, konnten aber durchaus nachvollziehen, was es heißt, dass die Kinder, die hier wohnten, verjagt wurden. Wir sollten nicht unterschätzen, wie viele junge Menschen heute unter uns leben, deren Familien selbst aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Wir können vieles tun, um der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus einen Sinn für die Zukunft zu geben. Das Gedenken an die Verfolgten muss uns Zivilcourage lehren, und sei es nur, nicht betreten wegzuschauen, wenn Stammtischgerede gegen Minderheiten die Runde macht. Der politischen Bildung sollte in unseren Schulen viel mehr Gewicht eingeräumt werden, damit garantiert ist, dass junge Menschen lernen, wie wichtig Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und Toleranz als Grundwerte unserer Gesellschaft sind. Wir alle sind dafür verantwortlich, dass diese Werte gelebt werden. Dazu mahnen uns die „Stolpersteine“. (Quelle: Dr. Heidi Fogel, Artikel im "Isenburger" im September 2012 erstveröffentlicht)


Familie Weiß in der Schillerstraße 18 von Dr. Heidi Fogel
 

René und Helene Weiß, geborene Lucas, wohnten mit ihren beiden Kindern Eva und Richard in der Schillerstraße 18. René Weiß, Jahrgang 1890, war Bankangestellter, seine sechs Jahre jüngere Ehefrau Hausfrau. Die beiden Kinder besuchten in Neu-Isenburg bis 1934 die Volksschule. Richard, Jahrgang 1924, der 1930 eingeschult wurde, war das einzige jüdische Kind in seiner Klasse. Er spürte während seiner Schulzeit keinen Antisemitismus in Neu-Isenburg, sagte aber später in einem Interview, dass seine drei Jahre ältere Schwester darunter gelitten habe.

René und Helene Weiß schätzten die Lage in Deutschland realistisch ein und entschlossen sich bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, mit ihren Kindern nach Palästina auszuwandern. 1934 nahm René Weiß Richard und Eva aus der Volksschule und ließ sie zusammen mit anderen jüdischen Kindern in Frankfurt von der Katholikin Dr. Leonore Rapp privat unterrichten. Bei ihr lernten sie u.a. Englisch, um sich im Aufnahmeland besser verständigen zu können.

Ende Februar 1936 reisten René, Helene, Eva und Richard Weiß über München nach Triest und von dort mit dem Schiff nach Palästina. Die Familie ließ sich in Haifa nieder. Sie musste sich in den ersten Monaten in einem einzigen Zimmer zusammendrängen, konnte aber nach einigen Monaten eine größere Wohnung beziehen, nachdem René Weiss einen Arbeitsplatz bei einer englisch/jüdischen Bank gefunden hatte. Die Existenz der Familie war damit gesichert. Die 16-jährige Eva zog bald allein nach Jerusalem, um sich zur Säuglingspflegerin ausbilden zu lassen.

Richard, der heute den jüdischen Vornamen Uri trägt, war zwölf Jahre alt, als die Familie in Palästina ankam. Er lernte schnell, Hebräisch zu sprechen, die Schriftsprache aber bereitete ihm Probleme. In Deutschland hätte er voraussichtlich das Gymnasium besuchen können, in Palästina war ihm das, wie er später berichtete, wegen seiner Sprachprobleme nicht möglich. Er lernte den Beruf des Maschinenschlossers und arbeitete zunächst in einer Gießerei, zuletzt in der Metallverarbeitung in einem Labor der Technischen Hochschule von Haifa.

Den Kriegsbeginn in Europa verfolgte die Familie Weiß am Radio. Aber auch in Palästina waren sie mit Gewalt und Unruhen konfrontiert. Militante Araber, die sich von der jüdischen Einwanderung in das britische Mandatsgebiet Palästina bedroht fühlten, griffen die jüdischen Siedler immer wieder an. René und Uri Weiß halfen bei der Bewachung der jüdischen Siedlungen und Konvois. Uri diente ab 1945 in der britischen und später in der israelischen Armee. Als Soldat kämpfte er 1948, 1956, 1967 und 1973 in den Kriegen zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.

1951 heiratete Uri Weiß Dora, eine junge Jüdin aus Polen, die vier Jahre in nationalsozialistischen Lagern Zwangsarbeit hatte leisten müssen. Doras Familie wurde in der Shoah ausgelöscht. Ihre kleine Schwester Merka wurde der Sechzehnjährigen bei der Ankunft im Lager Plaschow bei Krakau gewaltsam entrissen und vor ihren Augen erschlagen. Nur Doras Mutter und die Schwester Rachel überlebten. Die Mutter wurde nach Kriegsende bei antisemitischen Ausschreitungen in Polen erschlagen.

Die Familie Weiß fand nach der Vertreibung aus Deutschland in Israel eine neue Heimat. René, Helene und Eva Weiß starben dort. Uri Weiß lebt noch heute in Haifa. (Quelle: Werner Bremser (Hrsg.): Ende und Anfang. Neu-Isenburg 1943-1955. Historisches Lesebuch, Neu-Isenburg 1995)

 

Zum Seitenanfang
Immer informiert...

 mit dem Newsletter der Johannesgemeinde!  

...circa einmal im Monat informieren wir Sie über aktuelle Nachrichten in der Gemeinde sowie Veranstaltungshinweise für die nächsten Wochen.