1955 - Das Gemeindehaus wird gebaut
Pfarrerin Sybille Neumann im Gespräch mit Maria Ludwig und Irma Müller


Wie kam es zum Bau des Gemeindehauses in der Friedrichstraße 94? Und wie war das Leben darinnen vor 50 Jahren?
Maria_Ludwig.jpgUm diese Fragen zu beantworten, habe ich das Gespräch mit zwei Frauen der ersten Stunden der Johannesgemeinde gesucht, mit Maria Ludwig und Irma Müller.

Maria Ludwig war die erste Pfarrfrau im Gemeindehaus, sie ist die Ehefrau des inzwischen verstorbenen Pfarrers Ernst Ludwig.

Irma Müller war die erste Küsterfrau im Gemeindehaus, sie ist die Ehefrau des ebenfalls verstorbenen Küsters und Diakons, Hugo Müller.


Irma_Mueller.jpgErnst Ludwig und Hugo Müller, zwei Männer, die die „Gründergeneration“ der Johannesgemeinde entscheidend geprägt haben und deren Wirken über ihre „Dienstzeit“ hinaus bis heute spürbar ist. Aber hinter allen erfolgreichen Männern stehen starke Frauen, ohne deren Mitarbeit und Unterstützung vieles nicht möglich gewesen wäre. Darum war es eine große Freude für mich, Geschichte und Geschichten rund um das Gemeindehaus aus dem Mund von Frau Ludwig und Frau Müller zu hören. Daraus ist ein Bild über die Anfangszeit des Ge¬meinde¬hauses entstanden, das ganz sicher unvollständig und subjektiv ist und darauf wartet, von vielen anderen Geschichten und Erinnerungen ergänzt zu werden!



Wie alles begann

Pfarrer Ernst Ludwig
Der Bau des Gemeindehauses in der Friedrichstraße 94 ist mit der Person von Pfarrer Ernst Ludwig verbunden. Pfarrer Ludwig kam 1941 aus Gießen in die Evangelisch reformierte Gemeinde am Marktplatz, die sich in einer desolaten Situation befand.
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Pfarrer Ludwig kam aus der evangelischen Jugendarbeit, hatte aber von der Gestapo die Auflage in Neu-Isenburg keine Jugendarbeit mehr betreiben zu dürfen. Der Gottesdienstbesuch war zu diesem Zeitpunkt in Neu-Isenburg gering, die Gemeinde zerstritten. Zum Teil durch das nationalsozialistische System korrumpiert.

Pfarrer Ludwig gelang es mit viel Engagement, mit vielen Gesprächen und Besuchen, innerhalb von kurzer Zeit, dass sichtbar mehr Menschen wieder am Gemeindeleben teilnahmen.

Wie viel Mut und Gottvertrauen ihn der Dienst in der Gemeinde gekostet hat, lässt sich nur erahnen. Frau Ludwig erinnert sich: "Mein Mann wusste, dass in unserer unmittelbaren Nachbarschaft ein Nazi wohnte, der uns beobachtete. Zum Glück hatte mein Mann einen Informanten bei der Polizei, der ihm sagte, wann wieder jemand seine Gottesdienste bespitzelte. (...) Mein Mann hat mir erst später davon erzählt, weil er seine junge Frau nicht beunruhigen wollte. Aber er war wohl auf der 'Abschussliste'. Wenn der Krieg noch länger gedauert hätte, dann wäre er sicher wieder abgeholt worden.“ Bereits als junger Pfarrassistent in Gießen an der Johanneskirche war Pfarrer Ludwig verhaftet und aus Oberhessen ausgewiesen worden.

 

Gottesdienst in der Kindertagesstätte
Am 20. Dezember 1943 wurde die Kirche am Marktplatz bei einem Bombenangriff zerstört. Die Gottesdienste fanden zunächst in der katholischen Kirche statt, dann in der „Baracke“ des Kindergartens in der Schillerstraße.
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Frau Ludwig und Frau Müller konnten sich noch gut an diese Zeiten erinnern. Frau Müller erzählte: „Jeden Samstagmittag sind mein Mann und ich mit den Kindern auf dem Fahrrad von der Ludwigstraße in die Schillerstraße gefahren. Dort haben wir dann alle Kinderstühle und -tische rausgeräumt und die Erwachsenenstühle aufgestellt. Dann noch eine schöne Decke auf einen Tisch als Altar. Und am Sonntag nach dem Gottesdienst wieder der Abbau der Erwachsenenstühle und der Aufbau der Kinderstühle und Tische. (…) Und im Winter musste natürlich noch geheizt werden. Da hat mein Mann am Sonntag früh zuerst die Öfen mit Briketts, Holzspäne und Papier gefüllt und als es schön warm war, ist er nach Hause, hat eine Kleinigkeit gegessen, sich umgezogen und ist wieder zurück in die Schillerstraße gefahren.“

Trotz aller Umstände habe beide noch gute Erinnerungen an die Gottesdienste und das Gemeindeleben in der Baracke in der Schillerstraße. Die Gottesdienste waren sehr gut besucht und schon bald entstand die Idee, hier im „Westen“ der Stadt Neu-Isenburg ein Gemeindehaus zu bauen. Bei Baubeginn war Pfarrer Ludwig zuständig für den Westbezirk der Evangelisch reformierten Gemeinde am Marktplatz. Die Bauleitung hatte der Architekt Jakob.

Das Gemeindehaus war ein Teil der Gemeinde am Marktplatz. Erst am 1. April 1958 wurde der ehemalige Westbezirk der Marktplatzgemeinde als Evangelische Johannesgemeinde eigenständig.


Der Einzug

Eine Pfarrfamilie sucht eine Herberge
Pfarrer Ludwig wohnte mit seiner Frau Maria, drei Kindern und seiner Mutter, in einem Haus in der Zeppelinstraße 38, das der Gemeinde am Marktplatz gehörte. Als das Gemeindehaus gebaut wurde, verkaufte die Gemeinde das Pfarrhaus. Die neuen Besitzer wollten aber schon früher einziehen als das Gemeindehaus fertig war und so wohnte die 6köpfige Pfarrfamilie eine Weile in zwei Zimmern in der Zeppelinstraße. Kurz vor Weihnachten, am 18. Dezember 1954, musste die Pfarrfamilie ihre Sachen packen und in das neu errichtete Gemeindehaus einziehen, das leider noch nicht so ganz bezugsfertig war. Frau Ludwig weiß noch heute: „Der Umzugswagen war im Matsch stecken geblieben. Damals war die Friedrichstraße ja ein Feldweg, nur ein einziges anderes Haus stand da. (…) Wir hatten das Umzugsgepäck in Bettlaken eingeschlagen. Die mussten wir danach alle wegwerfen, weil sie voller Farbe waren. Die Farbe war ja noch nicht getrocknet.“ Fußboden gab es auch noch nicht, die Familie musste sich mit dem blanken Estrich arrangieren. Aber trotzdem war sie zufrieden. „Endlich Platz für alle, das war wunder¬bar für uns.“


Weihnachten mit Stühlen aus der Kneipe
Die Gemeinde war wohl voller Elan, viele Men¬schen haben mit angepackt, um den Bau zu vollenden. Obwohl das Gemeindehaus noch nicht so ganz fertig war, wurden die ersten Weihnachtsgottesdienste gefeiert. "Wir hatten ja noch keine Stühle. Aber aus einer Gastwirtschaft in der Nähe konnten wir Stühle lei¬hen,“ erzählt Frau Müller. Und so kann man auf einem Bild sehen, wie die Konfirmanden die Stühle aus der Kneipe ins Gemeindehaus geschleppt hatten. "Der erste Gottesdienst an Heilig Abend, das war wie im Stall“ erinnert sich Frau Müller, "das Dach war noch nicht gedeckt und so blickten wir einfach auf eine Holzdecke.“

Wie heute gab es drei Gottesdienste an Heilig Abend, am Nachmittag, die Vesper und um 24 Uhr. Aller¬dings gab es damals noch echte Kerzen. Das hieß für den Küster, dass er nach jedem Gottesdienst nicht nur Stühle rücken, sondern auch die Kerzen an dem großen Baum rundum erneuern musste. Frau Müller weiß noch: „Die Kinder wollten so gern Bescherung feiern, aber nein, erst mussten wir die Wachsreste abmachen. (..) Mein Mann war auch recht penibel, ganz akkurat mussten die Stühle wieder stehn …“

Das Haus von oben nach unten

Der Gemeindesaal

Gottesdienste wurden im ersten Stock im Gemeindesaal gefeiert und beide Frauen erinnern sich, dass die Gottesdienste in den Anfangsjahren immer gut besucht wurden. „Da blieb kaum ein Stuhl leer“, meint Frau Ludwig, „bestimmt 300 Leute kamen zu den Gottesdiensten von meinem Mann.“

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Ein Glockenturm befand sich auf dem Dach und es war die Aufgabe von Hugo Müller, die Glocken zu läuten. Geläutet wurde von der kleinen Teeküche aus, die vor dem Gemeindesaal liegt. Dort hing ein Seil hinunter und Hugo Müller hatte Spaß daran, den „Glöckner von Notre-Dame“ zu spielen.

 

Das Erdgeschoss: die Pfarrwohnung und die Küsterwohnung
Die Pfarrwohnung lag im Erdgeschoss und hatte einen eigenen Eingang in der Friedrich¬straße. Sie wird heute als Hausmeisterwohnung genutzt. Dort wohnte Familie Ludwig mit 3 Kindern und der Großmutter, im Laufe des ersten Jahres im Gemeindehaus erblickte dann das 4. Kind der Familie das Licht der Welt. Es wurde zwar nicht im Gemeindehaus geboren, aber war das erste Baby im Johanneszentrum.

Die Wohnung von Hugo und Irma Müller samt Kindern lag ebenfalls im Erdgeschoss des Gemeindehauses. Die Räume werden heute von der Johannesgemeinde als Gemeinderäume genutzt. Dort wo sich heute die Einbauküche befindet, war das Bad der Familie Müller. Abgetrennt durch Wände lagen daneben die Küche und das Kinderzimmer. Das Amtszimmer von Pfarrerin Dietrich-Milk gehörte damals noch zur Pfarrwohnung. Und der Raum, in dem sich heute der Weltladen befindet, war früher in zwei Räume unterteilt: in das Wohn- und Schlafzimmer der Familie. Aus heutiger Sicht wirkt das für viele Menschen beengt, aber die Wohnverhältnisse und -ansprüche damals waren eben in vielen Familien bescheidener. „Für uns hat die Wohnung immer wunderbar gepasst“, erinnert sich Frau Müller.

Das Souterrain
Das Gemeindebüro und die Räume für Gruppen der Gemeinde waren im Keller des Gemeindehauses untergebracht. Die Büros waren die Arbeitsräume der beiden Sekretärinnen. In den Gruppenräumen trafen sich jeden Abend andere Gruppen. Pfarrer Ludwig hatte verschiedene Jugendleiter ausgebildet, die wiederum eigene Jugendgruppen hatten, die sich an verschiedenen Abenden trafen. Bibelstunde, Konfirmandenarbeit, all dies fand in den Kellerräumen statt.

Wie lebte es sich im Gemeindehaus?
Viele Besucher des Gemeindehauses nutzten die Gelegenheit, um bei der Pfarrfamilie vorbeizuschauen. Da Pfarrer Ludwig viele Arbeiten außer Haus zu erledigen hatten, trafen sie oft auf Frau Ludwig. So freundlich und zugewandt wie ich Frau Ludwig in unserem Gespräch erlebt habe, kann ich mir gut vorstellen, dass sich viele Menschen in der Gemeinde mit großen und kleinen Sorgen bei ihr gut aufgehoben gefühlt haben.


Gemeindehaus02.jpgAuch bei den Müllers klingelte es häufig. Der Eingang zum Gemeindehaus war ja auch der Eingang zur Wohnung von Familie Müller. Und diese Eingangstür war immer offen. Viele Menschen mit finanziellen Sorgen, ohne Bleibe, kamen und fragten nach etwas zu Essen oder Geld. Im Foyer stand – typisch für die 50er Jahre – ein Nierentisch mit Sesseln und Frau Müller hat immer wieder dort Menschen eine gute Mahlzeit zukommen lassen.

Der Trubel und das Leben in der Johannesgemeinde haben den beiden Frauen auch im Rückblick sehr gut gefallen. Insbesondere das Verhältnis der Familien untereinander war von Herzlichkeit geprägt. Beide Frauen haben bis heute Kontakt. „Frau Ludwig und ich, wir waren wie Schwestern“, erinnert sich Frau Müller und Frau Ludwig ging es ebenso.

"Sicherlich", so erinnert sich Frau Ludwig, "man war im Gemeindehaus wie auf dem Präsentierteller. Drumherum war ja nichts, nur Feld und Wiese. Die Friedrichstraße – ein Feldweg. Und um das Gemeindehaus herum waren immer noch Berge vom Erdaushub von den Bauarbeiten. (.) Das war am Anfang wie eine Mondlandschaft. Unsere Kinder fanden das herrlich!"

Die gemeinsame Zeit im Gemeindehaus und die Anfänge der Johannesgemeinde gehören sicherlich mit zu den schönsten und prägendsten Abschnitten im Leben der beiden Frauen.


Soweit diese Spurensuche zu den Anfängen des Gemeindehauses im Johanneszentrum. Wenn Sie sich auch noch gut an Geschichte, Geschichten, Anekdoten erinnern oder uns Fotos oder Ähnliches zur Verfügung stellen können, freuen wir uns.


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